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Tag des Offenen Denkmals 2020

Das Seilerhäuschen                    Kaiserstraße 47 in Karlsruhe

Der Tag des Offenen Denkmals findet im Jahr 2020 nur in digitaler Form statt. Mit folgendem Text und Bildern möchten wir Ihnen das sog. Seilerhäuschen in der Kaiserstraße 47 vorstellen.

 

Von Dr. Elisabeth Spitzbart

 

Mit seiner Entstehungszeit im Jahr 1723 gehört das Gebäude zu den insgesamt sechs Häusern, die sich aus den Anfangsjahren der 1715 gegründeten Stadt Karlsruhe erhalten haben.  Es ist zwar nicht das älteste, aber doch das einzige Haus, in dem sich die innere Raumaufteilung zumindest teilweise bis heute erhalten hat. Dadurch ist es zu einer einzigartigen Quelle der Karlsruher Alltagsgeschichte geworden. Seit seiner seiner Renovierung in den 1990er Jahren ist es als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung klassifiziert.

Das Gebäude ist nur denkbar knapp dem Abriss entgangen. Seine Erhaltung ist nicht nur für die Geschichte der Stadt Karlsruhe von unschätzbarem Wert, es stellt auch einen Beitrag dar zum Thema des diesjährigen Denkmaltages: Nachhaltigkeit.

Seilerhäuschen Karlsruhe, Straßenfassade 1723. Das Haus hatte zu diesem Zeitpunkt ein Walmdach und es gab auch noch keinen Laden im Erdgeschoss © Dr. Holger Reimers

Das Seilerhäuschen ist ein so genanntes Modellhaus. Damit der ideale,  auf dem Reißbrett entstandene und heute gerne als fächerförmig beschriebene Stadtgrundriss auch möglichst einheitliche Straßenzüge erhielt, wurde eine Modellbauverordnung erlassen, der sich die Karlsruher Bauherren unterzuordnen hatten. Innerhalb der Verordnung gab es drei Bautypen: das hochherrschaftliche Haus (am Zirkel), das Bürger- und das Handwerkerhaus. Das Seilerhäuschen gehörte dem einfachsten Typ an. Allen Karlsruher Modellhäuser der ersten Generation gemeinsam war das  Mansarddach.

Das Haus wurde in seiner Geschichte nur ein Mal in größerem Maße umgebaut worden, was man auch der Fassade ansieht. Ursprünglich gab es an der damaligen Langen Straße (heute Kaiserstraße) im Erdgeschoss drei gleichförmige Fenster, aber keine Haustür und keinen Laden.

Das Seilerhäuschen erhielt 1752 ein Satteldach. Wie das ursprüngliche Mansarddach ausgehen haben mag, zeigt eine historische Photographie des Hauses Herrenstraße 11 während des Abbruchs 1909/1910.
Seilerhäuschen Karlsruhe, Grundriss nach 1753 © Dr. Holger Reimers

Man betrat das Haus ursprünglich also von der Durchfahrt aus durch eine heute zugesetzte Tür, die sich unter dem Putz allerdings noch abzeichnet. Durch diese Tür kam man in einen Hausflur, von dem aus sich das ganze übrige Haus erschloss: Wandte man sich nach rechts, kam man in die Stube und sowie in eine Kammer, ging man gerade aus weiter gelangte man in die Küche und eine weitere Schlafkammer. Eine andere Tür im Flur zum Hof mit dem Brunnen. Über eine Treppe erreichte man das Obergeschoss. Hier wiederholt sich die Zimmereinteilung des Erdgeschosses mit dem Unterschied, dass es über der Durchfahrt zwei weitere Zimmer gibt sowie einen zum Hof hin angebrachten Laubengang, über den die oberen Räume zu errreichen sind.

 

1738 wurde das Haus von der Familie Schönherr gekauft, die es ohne Unterbrechung bis zum Verkauf 1986 in ihrem Besitz hatte. Die Familie betrieb das Seilerhandwerk, was sich auch bald in der Architektur des Hauses abzeichnete. Die Durchfahrt wurde durch eine Holzkonstruktion verlängert (nicht erhalten), um eine Seilerbahn zu gewinnen. Um 1890 wurde im Hof noch eine zweite errichtet, deren Reste sich in der Laube im Innenhof erhalten haben. Außerdem entstanden an der rechten Hofseite Anbauten zum Lagern von Rohstoffen und Waren.

Blick in den Innenhof 2020 mit den Resten der hinteren Seilerbahn von etwa 1890, die heute als Laube dient. Links an der Hofwand erkennbar: die Einfassung des ehemaligen Brunnens.

1752 wurde vom dem damaligen Markgrafen Karl Friedrich eine neue Modellverordnung erlassen, der zufolge sämtliche Häuser ein Satteldach erhalten sollten. Das betraf nicht nur Neubauten, sondern auch bestehende Gebäude sollten so umgestaltet werden, dass sie von außen so aussahen, als hätten sie ein Satteldach, während sich im Innenraum nichts veränderte. Damit erhoffte man sich, den Straßenzügen ein repräsentativeres Aussehen zu geben.

Dieser rein 'kosmetische' Umbau ist im Obergeschoss des Seilerhäuschen noch sehr gut – und einmalig in Karlsruhe – ablesbar. Zwischen den im Mansardach aufrecht stehenden Fenstern wurde mit einfachsten Mitteln eine Wand eingezogen und verputzt.

Seilerhäuschen, Straßenfassade nach 1753, nach dem das Manssarddach in ein Satteldach umgewandelt worden war © Dr. Holger Reimers
Obergeschoss: Im Innenraum ist das Manarddach noch gut erkennbar sowie die zwischen den Fenstern stehende Wand, die außen die Form eines Satteldaches entstehen ließ. Der Hohlraum zwischen den beiden Dachformen führte zu keinem Zugewinn an Wohnraum.
Grundriss nach 1881 einschließlich aller An- und Umbauten zwischen 1775 und 1881. Mit der Verlegung der Küche in den ehemaligen Flur und der Zusammenlegung der ehemaligen Küche mit der Kammer zu einem Büro fand der einzige Umbau in der Geschichte des Haus

Als im Zuge der Industriealisierung handgefertigte Seilerwaren zu teuer wurden, ließ die Familie Schönherr die zur Straße gewandte Schlafkammer neben der Stube in einen Laden umbauen; hier wurden künftig Seile und Bürsten verkauft. Die Schlafkammer neben der Küche wurde zum einem Büro umfunktioniert, die Küche berlegte man in den ehemaligen Hausflur und die ins Obergeschoss führemde Treppe wurde nach außen verlegt (nicht erhalten). Der Grundriss zeigt in grau den Zustand des Vorderhauses in der Zeit von 1775 bis 1881, in gelb die 1881 entfernten Teile und in rot die Anbauten aus diesem Jahr.

Familie Schönherr posiert mit ihren Produkten im Hof des Seierhäuschens. Im Hintergrund ist links die um 1890 erbaute Seilerbahn erkennbar. Stadtarchiv Karlsruhe 7/Nl Schönherr 13
Blick aus dem Vorraum im Erdgeschoss durch das geleerte Fachwerk in den Raum, der zuletzt als Küche gedient hatte.
Reste der Fliesen in der ehemaligen Küche

Vor der Instandsetzung des Hauses in den 1990er Jahren wurde es zunächst von Studenten des Aufbaustudiengangs Altbausanierung am heutigen KIT systematisch erforscht und zeichnerisch dokumentiert. Anschließend wurde die künftige Nutzung als Gaststätte festgelegt und die Instandsetzung darauf ausgerichtet.

Das denkmalpflegerische Interesse lag auf dem Haupthaus von 1723, in welches möglichst wenige Eingriffe vorgenommen werden sollten. Die 1881 angefügte Außentreppe wurde abgerissen und ein neues Treppenhaus in dem Gelenkbau zwischen Alt- und Anbau eingefügt. Die Küche wurde in einem Anbau im Hof untergebracht. Im Altbau selbst gab zwar unmittelbar nach Fertigstellung Wasser im Thekenbereich des Restaurants, aber keine weiteren Wasserstellen. Alle weiteren Leitungen (Strom, Heizung) wurden über Putz verlegt. Die Instandsetzung verfolgte das Konzept, den Charakter der Räume möglichst so zu bewahren, wie man ihn vorgefunden hatte. So hat die Stube noch den Fußboden und Wand- und Deckengestaltung aus der Zeit um 1830 ("Biedermeierzimmer"), während der Laden die Ausstattung von 1881 zeigt.

Seit Abschluss der Renovierung hat das Haus mehrere Pächter gehabt, die sehr unterschiedlich damit umgangen sind. Nachdem es zunächst eine stilistisch sehr passende Möblierung erhalten hatte, zog 2016 eine Restaurantkette ein, deren Fokus nicht auf dem historischen Haus und seiner Bedeutung lag.

Nach intensiver Nutzung der Räume ist nun 2019 mit der „Kulturküche Karlsruhe“ ein Soziokulturelles Zentrum eingezogen, das vom gemeinnützigen Verein Lobin Karlsruhe e. V. mit viel Herzblut und durch Unterstützung zahlreicher Spenden den ehemaligen Charme des Hauses wiederbeleben möchte.

Die Kulturküche freut sich über Ihren Besuch, den Sie natürlich auch mit einem Rundgang durch das Haus verbinden können.

Im Folgenden finden Sie nun noch einige Bilder, welche den persönlichen Eindruck jedoch ersetzen können.

 

Seilerhäuschen, rückwärtige Ansicht. In der oberen, geschlossenen Laube sieht man die Tür, über die man - von der abgerissenen Außentreppe aus - ehemals das Obergeschoss betrat. Der heutige Eingang ist links im jüngeren Anbau.
Blick Richtung Küche, 2011
Blick in die Stube 2006
Blick in die Stube 2020
Blick in den Laden, 2010
Laubengang im Obergeschoss, 2020
Obere Stube, 2020
Obergeschoss, 2006
"Tapetenzimmer", obere Kammer über dem Laden, 2020

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